Sie ist drahtig gebaut, stabil und immer mit einem strahlenden, liebevollen und demütigen Lächeln auf dem Gesicht.
Sie würde sich gerne unterhalten, erzählen aber sie kann kein französisch und ich kein Swahili, kein Mashi, kein Kinyarwanda, kein Lingala, keine ihrer vielen Sprachen.
Sie ist ein Vorbild im Dorf. Geachtet, resilient und stark. Aber das war nicht immer so. Von den familieneigenen Grundstücken, die sie jetzt mit Mitarbeitern bepflanzt, wurde sie früher verscheucht, vom eigenen Vater. Sie hat als Tagelöhnerin gearbeitet und oft wurde sie weggeschickt, ohne Gehalt natürlich, weil sie zu langsam arbeitete. Oder sie musste noch mal arbeiten unter Schmerzen, denn sie läuft auf dem rechten Außenknöchel, ohne eine Fußsohle die schön abrollt, hat eine 1cm dicker Hornhaut am Kleinen Zeh. Sie hat einen Klumpfuß, unbehandelt, geächtet als Behinderte, verflucht weil sie mit Handicap geboren wurde.
Im Gespräch mit ihr in ihrer sehr schön gepflegten Hütte, mit mini Wohnzimmer, an deren hinterer Wand einige einfach Holzbänke gestapelt stehen (die Bänke der örtlichen christlichen Gemeinde, die in dem Kirchengebäude ohne Wände und nur 3/4 Dach, nicht stehenbleiben können wegen Diebstahl), lerne ich ihre Geschichte kennen. 9 Kinder zwängen sich in die Hüttentür – alles Enkel von ihr, um die sie sich kümmert. Und die auf zwei Stockbetten, liebevoll gepflegt mit Decken und Moskitonetz, schlafen dürfen – in einer Nachbarhütte sah das anders aus. Hier müssen 10 Kinder auf 4 qm Boden schlafen und alles war dreckig und vermüllt.
„Wenn ein Mann eine behinderte Frau schwängert, kann er sich Reichtum und Wohlergehen sichern“ – die Männer sind alle davongelaufen und haben ihre insgesamt 7 Kinder verlassen.
„Wenn eine Frau behindert ist, dann aber Kinder austrägt, werden diese geistig behindert sein“
Ein Mann sagte zu ihr: „Ein Schwein könnte man wenigstens mästen und Geld damit verdienen durch Verkauf“
Mir kommen die Tränen. Mehr als eine Umarmung kann ich ihr nicht geben. Wir laufen weiter durch den Ort. Sie mit uns, weil sie die Sprachen kann, die auch meine Teamleiterin nicht spricht. Wir kaufen Zuckerrohr, einfach mal probieren, es ist unser „Souvenir“ – sie sagt, sie würde diese gerne für uns tragen, aber sie kann es nicht (weil sie sich mit einer Hand humpelnd an einem Oberschenkel abstützen muss. Welch demütige und liebende Frau!
Seit Jahren möchte ich ihr helfen, irgendwie, nur wie? Über einen Freund erfuhren wir von einer Person, die Prothesen herstellen kann. Sie gab uns Instruktionen, wie man einen Gipsabdruck machen kann. Nur wo ist in dem 40-Fuß Container der Gips? Wie eine Nadel im Heuhaufen suchte ich mit 2 vom Team eine ca 30cm x 10cm x 10 cm große Box, ich erklärte ihnen, dass GIPS drauf stünde. Nach einer Weile sagte ich: nur mit Gottes Hilfe finden wir diese Box. 10 min später bat ich einen, mir bei der allerletzten Box zu helfen, die ich vor dem Aufgeben nun noch öffnen wollte: und da war er drin, der Gips.
Den Abdruck zu machen war dann für Patrick eine ‚endlich mal wieder‘- Aktion, hat er doch als junger Arzt monatelang genau solchen Patienten helfen dürfen!
Sie rutscht unruhig hin und her, weil sie es kaum ertragen kann, dass die ‚Chefs‘ ihres Arbeitgebers JengaTumaini ihre Beine anfassen und dann auch noch die Füße waschen (für mich selbstverständlich, hab sie ja auch mit Gips bekleckert). Für sie: das erste Mal im Leben schaut man sie hier bei JengaTumaini nicht an, als wäre sie ‚weniger wert als ein Schwein‘. Sie hat eine Identität, wird akzeptiert und geachtet. Auch der Glaube an Jesus hat ihrem Leben Aufschwung gegeben und Veränderung gebracht.